Exclusivinterview mit YPG Oberbefehlshaber Mahmud Berxwedan über die aktuellen Geschehnisse in Kobane

Mahmud Berxwedan
Mahmud Berxwedan

Mutlu Civiroglu https://twitter.com/mutludc

Telefoninterview vom 19.12.2014 zwischem dem Journalisten Mutlu Civiroglu und   Mahmud Berxwedan (YPG-Kommandant, Kobane), Idris Nahsan (stellvertretender Außenminister des Kantons Kobane) und  Zara Misto (Journalist, Kobane).

Mutlu Civiroglu: Ich möchte Sie ganz herzlich in unserer Sendung begrüßen, Herr Mahmud Berxwedan. Können Sie uns über die Lage in Kobane informieren?

Mahmud Berxwedan: Zuallererst wünschen wir der Welt und Ihren ZuhörerInnen ein frohes Weihnachtsfest. Seit drei Monaten wird über den Kampf in Kobane berichtet. Tatsächlich dauert der Widerstand in Kobane viel länger an: Seit dem 19. Juli 2013 kämpfen die YPG, die YPJ und die Bevölkerung Kobanes gegen Islamisten. Unsere Kampfeinheiten haben wir für die Verteidigung aller Volksgruppen in der Region gegründet. Wie Sie wissen ist Kobane die erste Stadt gewesen, aus der das Assad-Regime vertrieben wurde. Dies kann als ein neuer Anfang und eine neue Hoffnung für die Bevölkerung Kobanes und ganz Rojavas, aber auch für den gesamten Nahen Osten verstanden werden. Seit mehr als anderthalb Jahren wird an allen Fronten Kobanes  gegen Islamisten Widerstand geleistet. Mit dem Wissen, dass die ISIS alle menschlichen Werte negiert, haben wir uns  der ISIS entgegengestellt.

Mutlu Civiroglu: Wie sieht die aktuelle Lage aus?

Mahmud Berxwedan: Am 15. September hat die ISIS die heftigsten Angriffe seit Beginn der Auseinandersetzungen gestartet. Die Angriffe erfolgten von allen Seiten, sie waren nach ihrem Vormarsch in Shingal, Mossul und in syrische Gebieten besser organisiert und besser bewaffnet. Viele gingen davon aus, dass Kobane nur eine Woche Widerstand leisten könnte, es sind nun fast 100 Tage verstrichen und wir sind siegessicher. Wichtig ist die Frage: Warum gelingt dies Kobane, wo doch in Mossul und Shingal der Widerstand nicht einmal einen Tag andauerte. Die YPG/YPJ ist ihrem Land sehr verbunden, viele interviewte KämpferInnen sagten, dass sie bis zu ihrem Tod nicht vom Widerstand ablassen würden. Şehid Eriş, Şehid Zozan, Şehid Emîn, Şehid Kendal, Şehid Arin Mirkan sind Symbole für den Widerstand Kobanes geworden. Seid 100 Tagen kämpfen wir fast ausschließlich mit Kalaschnikows und eigenen Bomben.

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Mutlu Civiroglu: Einige Medien behaupten, die Gefahr sei abgewendet – Kobane sei von der ISIS befreit, andere behaupten, dass die ISIS im Osten ihre Angriffe verstärkt hat. Wie beurteilen Sie diese Informationen?

Mahmud Berxwedan: Dass die Gefahr vorbei sei, stimmt nicht. Es ist ausgeschlossen, dass es der ISIS gelingt, Kobane einzunehmen, dennoch versuchen sie dies mit allen Mitteln. Wir befinden uns im Häuserkampf, um jedes Haus wird gekämpft, es gibt zahlreiche MärtyrerInnen. Bisher hat die ISIS 33 mit Sprengstoff beladene Fahrzeuge in die Luft gesprengt. Täglich gibt es Selbstmordattentate.

Mutlu Civiroglu: Zwei Fragen: Die Koalition und auch die YPG hat nach eigenen Angaben viele Panzer und schwere Waffen der ISIS vernichtet. Wie stark ist die ISIS jetzt waffentechnisch ausgerüstet? Und: Wieviel Prozent von Kobane sind befreit? Einige Quellen sprechen von 70 %, die ISIS von 50 %.

Mahmud Berxwedan: Sie sind immer noch gut ausgerüstet und kämpfen mit schwerem Geschütz gegen uns. Es stimmt, die Koalition und die YPG/YPJ hat sie stark geschwächt, aber die ISIS hat gleichzeitig ihre Strategie geändert, ihr schweres Geschütz verstecken sie besser und holen sie erst hervor, wenn die Koalitionsflugzeuge nicht zu sehen sind. Dennoch sind alle strategisch wichtigen

Orte unter unserer Kontrolle, insbesondere die gesamte Altstadt und das Stadtzentrum. 40 % der neueren Gebiete sind unter ISIS-Kontrolle. Das Problem ist, dass die ISIS problemlos Nachschub an Kämpfern und Waffen aus Rakka, Tall Abjad (Girê Sipî), Jarabulus und anderen Orten beziehen kann. Sie haben nicht die Absicht, die Stadt zu verlassen. Es stimmt, dass die Koalition Luftschläge ausübt, aber wir sind eingeschlossen und können nur mit unseren leichten Waffen kämpfen, es gibt keine Nation, welche behaupten kann, uns ausgerüstet zu haben. Worauf warten sie?

Mutlu Civiroglu: Einige behaupten, dass die YPG Schuld an dieser Situation trägt, weil sie sich diesen Nationen nicht nähern. Dass viele Informationen, die die YPG preisgibt in arabischer Sprache formuliert sind und nicht verstanden werden von der Weltöffentlichkeit.

Mahmud Berxwedan: Gibt es denn Jemanden, der Kobane nicht kennt? Die ganze Welt weiß, wo Kobane liegt. Die ganze Welt weiß, wo die KämpferInnen der YPG/YPJ kämpfen. Wir haben dutzende Male gefordert, dass ein Hilfskorridor errichtet wird. Bis zum jetzigen Zeitpunkt werden nicht einmal die zivilen Menschen, die sich noch in der Stadt befinden, ordentlich versorgt. Ein einziges Mal wurden Hilfspakete und Waffen geliefert.

Mutlu Civiroglu: Sie haben Recht. Ein jeder weiß um Kobane, Kobane hat das Thema der Kurden nach außen getragen. Immerhin war es die USA, die diese Hilfspakete über Kobane abwarf, die Koalition unterstützt mit Luftschlägen. Eine Sympathie ist vorhanden. Amerikanische Kommandanten sprechen hier sehr wohlwollend über ihre KämpferInnen. Meine Frage an Sie wäre, ob die YPG diese Zusammenarbeit nicht noch weiter hätte fördern können?

Mahmud Berxwedan: Wir leugnen diese Unterstützungen nicht. Wir möchten uns auch für diese bedanken. Dennoch reicht sie nicht aus, um die ISIS zu besiegen. Uns mangelt es an Waffen. Wenn wir ausreichend unterstützt werden würden, wäre Kobane in zwei Tagen von der ISIS befreit.

Mutlu Civiroglu: Welchen militärische Forderungen genau müsste nachgekommen werden?

Mahmud Berxwedan: Die YPG, YPJ braucht nur Waffen. Nichts anderes. Uns mangelt es nicht an der Kampfmoral oder eigenen KämpferInnen.

Mutlu Civiroglu: Ich möchte auch Herrn Zara Misto begrüßen, der sich ebenfalls in Kobane befindet. Wie nehmen Sie als Journalist diesen Widerstand wahr?

Zara Misto: Der Kampf der YPG, YPJ gegen den Terror hat das Interesse der ganzen Welt geweckt. Die YPG, YPJ hat bewiesen, dass sie das Volk verteidigen kann. In dieser Region ist sie auf dem Boden der effektivste Gegner der ISIS.

Mutlu Civiroglu: Peter Galbraith und Bernard Cusner haben den Kanton Jazira besucht, Hillary Clinton hat Anerkennung für die Kämpfer und Kämpfertinnen geäußert. Wie können kurdische PolitikerInnen die YPG, YPJ unterstützen?

Zara Misto: Der Widerstand in Kobane, der Wille der YPG, YPJ hat dazu geführt, dass TEV-DEM und ENKS sich zusammengesetzt haben, der Widerstand hat einen wichtigen Beitrag für den Zusammenhalt der Kurden geleistet.

Mutlu Civiroglu: Herr Mahmud Berxwedan, wie beurteilen Sie die Rolle der Türkei?

Mahmud Berxwedan: Unsere Grenze zur Türkei ist sehr lang. Wir haben die Türkei immer als Nachbarn und Freunde verstanden. Dennoch könnte und müsste sie eine größere Rolle im Kampf gegen die ISIS spielen, denn auch sie ist unmittelbar gefährdet.

Mutlu Civiroglu: Herr Idris Nassan, was können Sie uns über die Lage der Zivilisten in Kobane und an der Grenze zur Türkei berichten?

Idris Nassan: In Kobane mangelt es an allem, an Nahrung, Babymilch, Kleidung für den Winter. Denn in Kobane sind die meisten Häuser zerstört, verbrannt, die Menschen sind der Witterung ausgesetzt. Es muss ein Hilfskorridor zwischen Kobane und der Türkei errichtet werden, denn zum einen brauchen die KämpferInnen der YPG, YPJ, FSA und die Peshmerga Waffen, zum anderen muss das Überleben der Zivilisten sichergestellt werden.

Mutlu Civiroglu: Herr Mahmud Berxwedan, wie sieht die Zusammenarbeit der YPG,YPJ mit der FSA und den Peshmerga aus?

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Mahmud Berxwedan: Wir pflegen seit über einem Jahr Kontakte zu Teilen der FSA, in diesem Zeitraum sind über 70 von ihnen allein in Kobane gefallen. Wir alle wollen ein demokratischeres Syrien. Die Peshmerga, die uns hier in Kobane unterstützt, hilft uns insbesondere durch das schwere Waffengeschütz, das sie mitgebracht haben.

Mutlu Civiroglu: Es heißt, die ISIS würde Tunnel nach Kobane bauen?

Mahmud Berxwedan: Auch wir wissen um diese Meldungen. Die ISIS versucht, sich vor den Luftschlägen zu schützen. Aber wir glauben nicht, dass sie Erfolg mit dem Tunnelbau haben.

Mutlu Civiroglu: Es gibt auch viele ausländische KämpferInnen in den Reihen der YPG: Aus den USA, Kanada, Holland, Israel, Österreich?

Mahmud Berxwedan: Wir sehen in der ISIS eine Bedrohung für die gesamte Menschheit, sie muss auch überall von allen bekämpft werden. Daher begrüßen wir alle Menschen, die die ISIS bekämpfen wollen. Wir machen keine Unterschiede zwischen Ethnien, aus vielen arabischen Städten, dem Nahen Osten, Europa, auch aus Amerika und Argentinien, kämpfen Menschen in und für Kobane.

Mutlu Civiroglu: Sie hatten zu Beginn über das Weihnachtsfest gesprochen?

Mahmud Berxwedan: Ja, im Namen des Widerstandes von Kobane und aller KämpferInnen der YPG/YPJ und der Bevölkerung Kobanes wünschen wir ein gesegnetes Fest. Ich möchte auch die Gelegenheit nutzen, um den Kurden aus Bakur (Nordkurdistan, Türkei) zu danken. Der Kampf Kobanes ist ein Kampf aller Kurden.

Vom Kurdischen ins Deutsche übersetzt von @ViyanKurd

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