YPJ-Kommandantin Viyan Kobani über die Rolle der Frau im Kampf um Kobane

YPJ Komutani Vîyan Kobanî (Foto: DIHA)
YPJ Komutani Vîyan Kobanî (Foto: DIHA)

Mutlu Civiroglu: Die Befreiung Kobanes ist von vielen Menschen gefeiert worden. In sozialen Medien wie Facebook und Twitter konnten wir beobachten, dass nicht nur Kurden ihre Freude darüber ausdrückten. Viyan Kobani, können Sie uns Ihre Eindrücke über die Befreiung der Stadt schildern, die Sie als eine kurdische Frau, als eine kurdische Kommandantin gewonnen haben?

Viyan Kobani: Zuallererst möchten wir im Namen aller Kämpferinnen und Kämpfer und im Namen hunderter Märtyrer, die in diesem Widerstand gefallen sind, von Kobane aus Grüße an diejenigen Menschen senden, die uns unterstützt haben. Als sich die Blicke der Weltöffentlichkeit nach Kobane richteten, war ebendiese Öffentlichkeit der Meinung, dass Kobane fallen würde. Ein großer Widerstand wurde nicht erwartet. Aber als eine Kämpferin und Zeugin dieses Widerstandes war ich hoffnungsvoll und wartete auf den Moment, an dem wir unserem Volk und der gesamten Menschheit den Sieg bekannt geben konnten. Eines können wir festhalten: Der Sieg in Kobane war ein Sieg für die gesamte Menschheit, im Besonderen für alle Frauen. Denn die Angriffe und die Barbarei der ISIS richten sich gegen alle Menschen, insbesondere gegen die Frauen. Kobanes Widerstand hat gezeigt, dass ein Volk sich gegen Feinde der Menschheit und Menschlichkeit erheben und siegreich sein kann. Kobane muss in dieser Hinsicht als Vorbild angesehen werden.

Mutlu Civiroglu: Sie sagen, dass dieser Kampf ein Kampf der Frauen und der gesamten Menschheit war. Es werden dutzende Berichte verfasst, ganze Sendungen ausgestrahlt, Lieder komponiert, Bilder gemalt, insbesondere über die kurdischen Frauen der YPJ. Wie zufrieden sind Sie mit dem internationalen Rückhalt der Frauen?

Viyan Kobani: Wir möchten uns nicht nur bei den Intellektuellen, Schriftstellerinnen, Sängerinnen, Künstlerinnen bedanken, sondern bei allen Menschen, die in irgendeiner Weise Kobane unterstützt haben. Für jede Zeile, die den Kämpferinnen gewidmet wurde, möchten wir uns bedanken. Wir hoffen und glauben daran, dass diese Unterstützung zunehmen wird. Die bisherige war zu wenig aber sehr bedeutend. Denn jede Straße und jedes Haus in Kobane ist zum Ort des Widerstandes geworden, die internationale Presse muss sich dieser Tatsache annehmen. Vielleicht waren sie bisher uninformiert, aber wir hoffen, dass sich mit der Befreiung von Kobane diese Situation ändert und sich die Menschen vor Ort ein Bild vom Widerstand machen. Denn diejenigen, die diesem Widerstand eine Bedeutung beimessen, unterstützen das Anliegen der gesamten Menschheit.

Mutlu Civiroglu: In Kobane gilt es nun, die umliegenden Dörfer zu befreien. Wie verlaufen die Operationen zur Befreiung der Dörfer?

Viyan_Kobani

Viyan Kobani: Wir werden die Dörfer genauso von der ISIS säubern, wie wir es in Kobane getan haben. Es gibt hunderte Dörfer, die zu Kobane gehören und befreit werden müssen. Minen müssen entschärft und die von der ISIS hinterlassenen Verschmutzungen entfernt werden, damit die Zivilbevölkerung diese Orte wieder bewohnen kann. Es gilt also, die ISIS aus den Dörfern zurückzuschlagen, um dann in einem zweiten Schritt diese Dörfer zu säubern und zu sichern. Jeden Tag können sich unsere Kämpferinnen und Kämpfer weitere Kilometer nach vorne kämpfen.

Mutlu Civiroglu: Wieviele Kilometer sind die kurdischen Einheiten an den verschiedenen Fronten nach vorne gerückt?

Viyan Kobani: An allen drei Fronten (West, Süd, Ost) konnten wir um einige Kilometer nach vorne rücken. Wir sind guter Dinge, dass wir unserem Volk bald die Befreiung und Säuberung aller Dörfer bekannt geben können.

Mutlu Civiroglu: Wehrt sich die ISIS in den Dörfern oder flüchtet sie? Können Sie uns den Kampf um die Dörfer beschreiben?

Viyan Kobani: Die ISIS hatte den Kampf in der Stadt Kobane schon vor drei Monaten verloren, ihre Angriffe, die auch von der türkischen Grenze aus erfolgten, waren verzweifelte Versuche, eine Wendung herbeizuführen. Aber bei der ISIS handelt es sich um einen barbarischen Gegner, siewerdet ihr keinen schönen Sieg davon tragen.” Trotz ihrer offensichtlichen Niederlage leisteten ihre Kämpfer Widerstand und flohen nicht. Genau so gehen sie auch in den Dörfern vor: Auch dort sind Kämpfer die ISIS stationiert, die sich wehren, es gibt schwere Zusammenstöße, Tote. Sie ergeben sich nicht und fliehen auch nicht.

Mutlu Civiroglu: Was hat Sie als Frau zum Kämpfen motiviert?

Viyan Kobani: Während der Kriegssituation konnten wir das Ausmaß der internationalen Unterstützung möglicherweise nicht richtig vorstellen. Aber diese internationale Unterstützung war einer der Faktoren, die uns motivierten, den Widerstand fortzusetzen. Der andere Faktor ist: Wenn es keine kämpfenden Frauen gäbe, wenn das Volk keine Kämpfer wie in Kobane hätte, könnte der Barbarei der ISIS nichts entgegengesetzt werden. Die Kämpfer und Kämpferinnen der YPG und YPJ haben sich gegen diese Barbarei gestellt. Wir hatten dabei immer Shengal vor Augen: Als die ISIS Kobane angriff, wussten wir, dass uns das gleiche Schicksal bevorstehen würde, wie den Frauen in Shengal – sollten wir keinen Widerstand leisten. Auch uns hätten sie auf den Staßen verkauft. Vor Beginn der Angriffe auf Kobane organisierten sich die Frauen Kobanes, sie gründeten Räte, unterstützten die Demokartischen Autonomie (Gesellschaftsmodell “Rojava”), sie partizipierten an allen gesellschaftlichen Bereichen. Shengal hat uns gezeigt, dass wir Frauen uns auch auf militärischer Ebene einbringen müssen, die Frau musste aus der Rolle einer Leidenden heraus und die Rolle einer aktiven Kämpferin einnehmen. Der Wunsch, dieses Schicksal von unserer Bevölkerung abzuwenden, war für hunderte Kämpferinnen und Kämpfer Motivation genug.

Mutlu Civiroglu: Wir hatten über die Frauen gesprochen, die weltweit die Kämpferinnen in Kobane unterstützen. Das gilt auch für Amerika. Das amerikanische Volk hat den Kampf mitverfolgt und in sozialen Medien großen Druck auf das Weiße Haus ausgeübt, damit dieses sich zu Luftschlägen bereit erklärt. Hillary Clinton sieht in den Kämpferinnen eine Inspiration für alle Frauen in der Welt. Was sagen Sie zu diesen Reaktionen?

Viyan Kobani: So wie der Widerstand in Kobane die gesamte Welt inspiriert hat, so hat auch der Widerstand der Frau alle Frauen inspiriert. Denn wir wissen, dass an vielen Orten eine Frau nur als ein Mensch zweiter Klasse behandelt wird. Die Frau hat immer nur einen Bruchteil der Rechte, welche die Männer besitzen. Es mag sein, dass die Situation der Frauen in Amerika und Europa eine bessere ist, auf diese beziehen wir uns nicht. Aber unser Widerstand hat im Nahen Osten ein Echo hervorgerufen. Es ist für uns eine Ehre, auch für die Rechte anderer Frauen zu kämpfen. Wir werden in Zukunft versuchen, die Erwartungen der Frauen, die uns unterstützen, deren Herzen für Kobane schlagen, besser zu erfüllen und deswegen unseren Kampf verstärken.

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Mutlu Civiroglu ist ein Kurdischen Angelegenheiten Analyst mit Schwerpunkt auf Syrien und der Türkei. Er verfolgt aufmerksam Kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) Kampf gegen ISIS und anderen dschihadistischen gruppen .

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Vom Kurdischen ins Deutsche übersetzt von https://twitter.com/ViyanKurd

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