Oberbefehlshaber der YPG von Kobane Berxwedan: Wo auch immer der IS ist, da werden auch wir sein

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Mutlu Civiroglu       https://twitter.com/mutludc

Herr Mahmud Berxwedan, seit einigen Wochen wird der Kampf gegen den in den Dörfern ausgetragen, nachdem der IS aus der Stadt Kobane vertrieben wurde. Wie sieht die aktuelle Situation an den drei Fronten aus?

Mahmud Berxwedan: Nach der Befreiung von Kobane am 26. Januar haben wir mit der zweiten Phase begonnen, welche die Befreiung aller Kobane zugehörigen Dörfer beinhaltet. Seitdem sind 21 Tage vergangen, diese Phase ist bisher sehr erfolgreich verlaufen, täglich werden an allen Fronten neue Gebiete befreit. Die Westfront befindet sich jetzt dort, wo dder IS den Krieg am 15. September begonnen hatte: Wir befinden uns in der Nähe von Şêxler und sind nur 3 bis 4 km vom Euphrat entfernt. An dieser Front gibt es nur noch wenige Dörfer, die zu befreien sind, gerade eben wurde das Dorf Keçelo befreit, in weiteren Dörfer wie Cibilferac, Sêvalo und Derbazin wird zum jetzigen Zeitpunkt  gekämpft.

Mahmud Berxwedan
Mahmud Berxwedan

Wird der Kampf gegen den IS auf der anderen Seite des Euphrats, in Dscharabulus, fortgesetzt?

Mahmud Berxwedan: Unser primäres Ziel ist es, alle Ortschaften des Kantons Kobane zu befreien. Danach fängt unser eigentliche Kampf gegen den IS an, bisher hatte der IS unser Land besetzt. Nach der Befreiung des Kantons werden wir die Gebiete des IS angreifen. Am 15. September hatten der IS damit begonnen, uns anzugreifen, dieses Mal werden wir den IS angreifen und ihn aus allen Gebieten verdrängen. Wo auch immer der IS ist, da werden auch wir sein.  Für uns gibt es keine Grenzen, unser Angriffsziel ist der IS, wir werden sowohl das arabische als auch das kurdische Volk, aber auch alle anderen Völker, die von der IS unterdrückt werden, befreien.

Herr Berxwedan, Sie sind Oberbefehlshaber der YPG und klingen sehr überzeugt und hoch motiviert. Worauf basiert Ihr Vertrauen? 

Mahmud Berxwedan: Wir glauben an uns und unsere Kraft. Wir glauben an unsere Kämpferinnen der YPJ und an unsere Kämpfer der YPG. Wir glauben an unsere Kalaschnikows und Bomben. Alles andere ist für uns eine zusätzliche Unterstützung. Wir glauben daran, dass wir es schaffen werden, in Syrien die Niederlage des IS einzuleiten. Angefangen bei den Ortschaften von Kobane, werden wir den IS in allen Gebieten, die er besetzt, bekämpfen.

Wenn ich Ihre Antwort richtig deute, dann werden auch Dscharabulus (Westen), Manbij (Südwesten), Sarrin (Süden) und  Girê Sipî (arabisch: Tall Abyad, Osten) Angriffsziele [der Kurden]?

Mahmud Berxwedan: Alle Orte, an denen sich der IS aufhält, sind unser Ziel. Das darf nicht missverstanden werden: Wir wollen den IS bekämpfen, nicht das arabische Volk. Wir möchten nichts, was den Arabern oder anderen Völkern gehört, besitzen oder beschlagnahmen. Unser Ziel ist die Zerschlagung der IS. Wo auch immer der IS ist, werden wir uns für dessen gegenwärtige und vergangene Taten rächen.

Uns erreichen Meldungen, dass sich arabische Menschen, die sich in den von der IS besetzten Gebieten aufhalten, an Sie gewendet und um Unterstützung bei der Befreiung dieser Orte gebeten haben. Können Sie diese Meldungen bestätigen?

Mahmud Berxwedan: Ja, sie stimmen. Viele Kämpfer aus Manbij und Dscharabulus sind zu uns gekommen und haben unsere Verteidigungseinheiten (YPG, YPJ) um Hilfe bei der Zurückeroberung ihrer Städte gebeten. Wir haben diesen Kämpfern unsere Unterstützung im Kampf gegen den IS versprochen. Wir sind bereit, allen Menschen, die von der IS bedroht werden, unsere Hand zu reichen und sie im Kampf zu unterstützen.

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Können Sie uns noch kurz über die Lage an der Ost- und Südfront ins Bild setzen?

Mahmud Berxwedan: Im Süden haben wir die strategisch bedeutsamen Hügel Şehit Xabor und Sêvê zurückerobert, von dort aus haben wir die Brücke Qereqozak, die Stadt Sarrin und vielen weitere Orte im Blick. Seit über einem Jahr war der Hügel Sêvê umkämpft, dieser war mal unter der Kontrolle der IS und mal unter unserer Kontrolle. Nach einem sehr intensiven Kampf konnte der Hügel  zurückerobert werden und heute weht auf diesem Hügel die Fahne der YPG.

Ist es wahr, dass ein Teil der Straße, die von Heleb (arabisch: Aleppo ) nach Hesiçe (arabisch: Al-Hasaka) führt, unter kurdischer Kontrolle ist?

Mahmud Berxwedan: Südöstlich von Kobane sind 25 km dieser Straße unter unserer Kontrolle: Die Straße nach Rotko steht unter der Kontrolle der YPG, einige Dörfer wie Qilheydê und Girêk, die sich an dieser Straße befinden, wurden befreit. Im Osten haben wir die Dörfer Bexdik, Idani und viele weitere Dörfer um Idani zurückerobert.

Sie sagten, dass [die Kurden] dem arabischen Volk, das sich in den von der IS besetzten Städten befindet, zu Hilfe eilen würden. Erhalten [die Kurden] denn Unterstützung von anderen Nationen? Immerhin hatte letzte Woche eine Kommandantin der YPJ den französischen Staatspräsidenten Hollande besucht. Erhalten oder erwarten Sie internationale Unterstützung, da Sie sagen, sie würden den IS auch in anderen Städten bekämpfen?

Mahmud Berxwedan: Alle wissen, dass der IS eine Plage für die ganze Welt ist. Wir möchten, dass alle, die den IS bekämpfen möchten, uns unterstützen, damit wir den IS schneller besiegen können. Jeder, der den IS wirklich als Feind betrachtet, muss uns unterstützen und die bisherige Unterstützung fortsetzen und intensivieren. Bis heute kämpfen wir mit den wenigen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. In einem früheren Interview mit Ihnen hatte ich gesagt, dass wir nur mit leichten Waffen Widerstand leisten. Glauben Sie mir, bis heute kämpfen wir mit ebendiesen Waffen. Es stimmt, wir werden durch Luftschläge unterstützt, aber wirklich wirkungsvolle Waffen für unsere Einheiten auf dem Boden, wie Panzer und schweres Geschütz, haben wir bisher von niemandem erhalten. Die Welt muss sich als eine Einheit gegen den IS stellen. Der IS ist eine Bedrohung für alle, in der Zerschlagung des IS sehen wir eine menschliche Aufgabe, es geht uns nicht nur um Kobane. Das haben wir auch zu anderen Zeitpunkten gesagt, wir führen den Kampf für die Menschheit. Deswegen muss die Weltgemeinschaft uns in diesem Kampf unterstützen. Kobane braucht aber auch eine andere Art von Unterstützung, Kobane braucht einen Hilfskorridor, Hilfe beim Wiederaufbau. Der gesamte Besitz der Menschen ist geplündert worden, in den Dörfern gibt es nichts mehr. Der IS hat alles gestohlen und in vielen Häusern Minen verlegt. Wir  brauchen internationale Untersützung bei der Entschärfung  der Minen. Es sind so viele Menschen nach Kobane zurückgekehrt, dabei gibt es in der Stadt keinen einzigen Laden, in dem sie sich etwas kaufen könnten. Die Bevölkerung von Kobane braucht viel humanitäre Unterstützung.

Herr Berxwedan, lassen Sie uns ein wenig über die Rolle der Freien Syrischen Armee und der Peschmerga sprechen, ein paar Gruppen stehen seit Beginn des Kampfes auf der Seite der Kurden. Einige Quellen melden, dass in den überwiegend arabisch besiedelten Gebieten die FSA den Kampf anführen würde. Welche Rolle spielt die Peshmerga?

Mahmud Berxwedan: Es gibt in den Reihen der FSA einige Gruppen, die uns seit Beginn der Kämpfe unterstützen, wie zum Beispiel die Siwar Rakka, Şemsi Şimal und Cephetul Ekrad. Auch jetzt kämpfen sie mit uns an der vordersten Front. In den arabischen Regionen führen sie den Kampf an und wir unterstützen sie. Auch diese Gruppen brauchen militärische Unterstützung, auch sie haben bisher keine Unterstützung bekommen. Mit den wenigen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, helfen wir diesen Gruppen. Auch die Peschmerga unterstützt uns sehr tatkräftig, diese sind im Besitz von Artillerie und unterstützen uns auf diese Weise.

Abschließend möchte ich Sie fragen, wieviel Prozent der Dörfer des Kantons Kobane zurückerobert wurden. Zudem hat die Aussicht auf die Befreiung von Girê Sipî (arabisch: Tall Abyad) große Wellen in den kurdischen und internationalen Medien geschlagen. Was möchten Sie dazu sagen?

Mahmud Berxwedan: 80 Prozent der Dörfer des Kantons Kobane wurden befreit. Um die die restlichen 20 Prozent wird noch gekämpft, wir möchten  diese Dörfer so schnell wie möglich befreien. Wir möchten auch das Umland von Girê Sipî und Girê Sipî selbst von der IS säubern, so wie wir den IS auch an allen anderen Orten bekämpfen werden.

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Mutlu Civiroglu ist Analyst der Kurdischen Frage mit Schwerpunkt Syrien und Türkei. Er verfolgt insbesondere den Kampf der YPG gegen den IS und andere dschihadistische Gruppen.

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Vom Kurdischen ins Deutsche übersetzt von N. Ozdemir

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